Frau Schlesinger und Co. – wer löffelt die Suppe aus?

Ein Kommentar von Anke Ben Rejeb

Früher
Es gab Zeiten, da war man in Deutschland stolz auf seinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Fast ohne Widerstand zahlte man seine Rundfunkgebühren, früher eingezogen von den Briefzusteller*innen und der Post, später dann von der GEZ. War halt so UND schließlich bekam man ja auch was dafür. Privatfernsehen über Kabel und Schüssel kam irgendwann dazu, waren aber lange Zeit auch nicht Standard in jedem Haushalt. Die TOP-Sendungen liefen im Öffentlich-Rechtlichen: Millionen saßen vor der Glotze bei Frankenfeld, Rosenthal und Carrell, bei Dallas und Denver, Tatort, Hitparade und natürlich bei der Tagesschau. Dazu die Dritten Programme mit allem, was aus der Region so wichtig war. Und der Sport, ja den Sport gab es sowieso zu genüge bei den Öffentlich-Rechtlichen. Nein, da wurde wenig bis garnichts hinterfragt, denn man wusste, was man hat! Tatsächlich ist das teilweise noch heute so, aber wie überall, so schreit die unzufriedene Minderheit doch immer deutlich lauter, als die zufriedene Mehrheit…

Die abgeschlossenen Tarifverträge für die Mitarbeitenden in den Häusern waren damals üppig, die Pensionen auch! Die Mitarbeitenden waren hochloyal, hochmotiviert und man arbeitete einfach gerne in „seiner“ Anstalt. Intendanten (männlich) waren schon einmal etwas „hemdsärmeliger“ unterwegs – man kannte sich halt.

Danach
Irgendwann gab es Konkurrenz, die ja eigentlich das Geschäft belebt. Die Privaten drängten mit viel Geld aus ganz viel Werbung und dadurch schon allein deutlich abhängiger von den Interessen der „Geldgeber“ auf den Markt. Interessant hier und da – war ja auch alles etwas bunter und schriller, amerikanischer und oft auch inhaltsloser. Aber: ich musste ja kein Kabelfernsehen oder ne Schüssel haben – ich konnte mich dem entziehen… Erstes Genörgel kommt auf, denn who cares about Bildungsauftrag und Teilhabe? Who cares about Meinungsvielfalt und Diversität? 

Die Tarifabschlüsse für die Mitarbeitenden des ÖRR waren noch passabel, die Versorgungszusagen nicht mehr so üppig, aber man hatte wenigstens noch Betriebsrenten. Immer noch ist die Zufriedenheit bei den Mitarbeitenden recht hoch und man reißt sich, wenn viel los ist, für die Anstalt noch den Hintern auf. Nähe zur eigenen Intendanz oder Geschäftsleitung ist auch noch vorhanden, aber irgendwie wird alles schicker und auch ein bisschen „snobbiger“.

In der Politik regen sich erste Diskussionen um „Reförmchen“ des ÖRR.

Heute
Dann kommen die PCs und Laptops, das Internet für alle bezahlbar, die Streamingdienste. Alles noch mal ne Schippe drauf: mehr Werbung, noch mehr Abhängigkeit, noch mehr Brainwashing und bei den Streamingdiensten, da hat man so Einiges inklusive, auch die viel genutzten Mediatheken des Öffentlich-Rechtlichen. Die Frage nach dem Sinn der Öffentlich-Rechtlichen wird immer lauter, denn das Internet hält doch „all das und noch viel mehr“ für kleines Geld für uns parat – ganz ohne Filter, voll auf die Zwölf.

Die Tarifabschlüsse für die Mitarbeitenden der Anstalten sind okay – mittlerweile muss man dafür aber sogar streiken – was von den Anstalten angeboten wird, wird von der Inflation aufgefressen. Betriebsrenten für junge Mitarbeitende, die frisch vom Markt kommen: häufig Fehlanzeige, genauso wie der Festvertrag für Azubis oder die Zukunftsperspektive. Zu den Öffentlich-Rechtlichen geht man, wenn man etwas Sicherheit haben will, vielleicht maximal noch aus ideellen Gründen, aber sicher nicht mehr „fürs große Geld“. Es gibt sie noch, diejenigen, die sich voll identifizieren mit ihrer Anstalt, aber es werden weniger. Gut und teuer ausgebildete Fachkräfte verlassen die Sender wieder, Stellen können teilweise schwer nachbesetzt werden.

Ganz oben wiederum, da wird es üppiger, denn in den Intendanzen und Geschäftsführungen sitzen mittlerweile zwar zum Teil noch gelernte Journalisten, aber eben auch knallharte Manager*innen. Die Möbilierungen und Kunstwerke in den Büros der Chefetage: nicht mehr Understatement, die Autos oft auch nicht. Wer es von unten nach oben geschafft hat, hat häufig den damaligen Einstieg längst vergessen.

Reformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fordern nicht mehr nur die politischen „Schmuddelkinder“…

Und da kommt zu allem Übel dann die Causa Schlesinger und setzt augenscheinlich so ziemlich allem, was man dem Öffentlich-Rechtlichen eh schon länger anhängen wollte, noch eine fette und ziemlich hohe Goldkrone auf. Und eine Frau ist es auch noch…

Ja, es BRAUCHT Reformen – wahrscheinlich in so ziemlich JEDER Anstalt! Aber, und ich weiß, das klingt jetzt abgedroschen und ein bisschen nach Klassenkampfrhetorik, die Reformen dürfen NICHT, wie allgemein üblich, wieder einmal fast ausschließlich auf Kosten der Mitarbeitenden gehen! WIR sind nicht diejenigen, die anderen Posten und Aufträge zuschieben und der Großteil von uns erhält weder ein besonders FETTES Gehalt, noch FETTE Pensionen. Viele im Öffentlich-Rechtlichen vorhandene Berufsbilder sind nicht eklatant höher bezahlt, als dies in der freien Wirtschaft der Fall ist. Und diejenigen, die noch Leistungen nach Altverträgen erhalten, die haben dafür weder jemanden beschissen noch jemandem in die Tasche gegriffen – immerhin hat eine 50 Quadratmeter-Bude in Köln-Ehrenfeld vor ein paar Jahrzehnten auch noch nicht 1000 € Miete und mehr gekostet.

Wenn ihr, liebe Anstalten, Eure Mitarbeitenden mitnehmen wollt auf einen anderen Kurs, dann solltet ihr MIT uns und nicht über unsere Köpfe hinweg Ideen entwickeln, wie wir den Karren gemeinsam aus dem Dreck ziehen! Über Eure Gehälter und Boni, die man in keinem Tarifvertrag findet, dürft ihr gerne direkt am Anfang des „Heilungsprozesses“ reflektieren. Lasst uns an die Arbeit gehen, mit einer durchdachten Change-Kultur, aber eben auch mit Tarifabschlüssen, die die Inflation berücksichtigen!

Und an all diejenigen, die die Schuld für die Causa Schlesinger jetzt beim Geschlecht suchen: Studien legen nahe, dass weibliche Führungskräfte Unternehmen profitabler und zukunftsfähiger machen können;-)