HERBSTTREFFEN DER MEDIEN-FRAUEN 2007 Wie weiblich ist die Zukunft?


Herbstreffen02_0725.10.2007/vrff/JDO/Mainz: Stimmengewaltig mit dem umge- texteten Song „We are the champions“ von 1977 startete das diesjährige Herbsttreffen der Me- dienfrauen beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt unter dem Motto „Junge Talente oder aus Erfahrung gut“. Auf 30 Jahre konn- ten die rund 250 Mitarbeiterinnen von ARD, ZDF und dem öster- reichischen ORF zurückschauen, die sich dort zu Vorträgen, Dis- kussionen, Workshops und zu der Entscheidung, wem diesmal die „Saure Gurke“ gebührt, eingefunden hatten.

30 Jahre „Herbstreffen der Medienfrauen“ oder die Zweigeschlechtigkeit der Welt
In der Eröffnungs-Festrede am Freitagnachmittag warf die Gleichstellungsbeauf- tragte der Deutschen Welle Ute Mies-Weber einen Blick auf die vergangenen Herbsttreffen bis auf die Anfänge 1978 in Frankfurt:
14 männliche Intendanten bei ARD und ZDF habe es zu diesem Zeitpunkt gegeb- en. Die Justitiarin des SDR war die einzige Frau unter etwa 130 Männern in den Geschäftsleitungen. „Ja“, konstatiert Mies-Weber, „wir waren zornig damals – aber wir waren nie so vermessen, die Zweigeschlechtlichkeit der Welt aufheben zu wollen.“

Aber auch in der Bundesregierung sah es mit der Präsenz von Frauen traurig aus: Antje Huber war die einzige Frau im Kabinett von Helmut Schmidt… Im Jahr 2000 sagte WDR-Intendant Fritz Pleitgen immerhin, die Zeit sei überreif für eine Intendantin. 2003 war es dann soweit: Dagmar Reim wurde Intendantin des Rund- funks Berlin-Brandenburg. Seit April 2007 hat sie eine Kollegin beim WDR: Monika Piel, die Fritz Pleitgen nachfolgte. Es ist also noch viel zu tun, bis die Gleichstellung in den Sendeanstalten hergestellt ist.
Diese voranzubringen war u. a. Zielsetzung der knapp 20 angebotenen Work- shops
.

Herbstreffen01_07
Monika Hoffmann (Gleichstellungsbeauftragte im ZDF) forderte die Frauen im 30. Jubi- läumsjahr auf, sich auch heute noch auf die politischen Inhalte zu be- sinnen. Es sei viel erreicht – doch auch noch viel zu tun.

 

Kommunikation als Erfolgs-Rüstzeug
Ein großer Teil der Workshops widmete sich dem Thema Kommunikation als Rüst- zeug für den Erfolg: Einer titelte „Bewusst sprechen“, ein anderer befasste sich mit „Kommunikation und Körpersprache“. Auch die Bedeutung richtiger Atmung wurde vermittelt: „Aufregung ade mit richtiger Atmung“. In einem Kreativwork- shop wurde nach „Schlummernden Poten- tialen“ gesucht. Zwei weitere setzten ge- nau dort an, wo viele Frauen sich schwer tun: bei der Perfektionsfalle und bei der all- zu oft unzureichenden Vernetzung. So lauteten die Titel dann auch provokativ: „Profil statt Perfektionismus“ und „Kontakte schaffen und pflegen – Macht der Netzwerke?!“.

Achillesferse für weibliche Karriere
Junge Frauen und Mädchen sind mittler- weile besser ausgebildet als junge Männer. Weibliche Marktmacht wird zunehm- end erkannt. Werden Frauen bei der Gestaltung des demografischen Wandels eine Schlüsselrolle spielen? Sind Angela Merkel, Ursula von der Leyen oder Annett Louisan Vorreiterinnen eines neuen Rollenbildes? Frauen an die Macht, hieß es einst. Jetzt erobern Frauen mehr und mehr Führungspositionen. Alles nur vordergründig? Wie weiblich ist die Zukunft? Und was bedeutet das für uns?

Zum Auftakt des Herbsttreffens diskutierte ein Podium mit Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diese Frage.

Die Autorin Susanne Fröhlich, die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin, Frankfurts Oberbürgermeister- in Petra Roth, die Geschäftsführerin von Hewlett Packard Regine Stachelhaus und die beiden TV-Moderatoren Philipp Engel und Achim Winter, waren sich schnell einig: Achillesferse für weibliche Karrieren ist in Deutschland weitaus häufiger als in anderen europäischen Ländern die Mutter- schaft.

Die „saure Gurke“ landet in der Küche
Zum Abschluss des „30. Herbsttreffens der Medienfrauen“ wurde die ZDF- Pro- duktion „Lafer! Lichter! Lecker!“ mit der „Sauren Gurke 2007“ gekürt. Der all- jährlich verliehene Preis rückt für einen Moment Frauenfeindlichkeit im öffentlich- rechtlichen Fernsehen ins Scheinwerferlicht. Immer samstags von 16.15 bis 17 Uhr zelebrieren die Köche Horst Lichter und Johann Lafer ihre Kunst. In der Send- ung vom 18. August dieses Jahres lassen sie weibliche Gäste zu „Törtchen an seiner Seite“ oder „nougatgefüllten Marzipanpralinen auf zwei Beinen“ werden. Auch Hühnerbrüstchen bekämen, so die Jury, eine neue Bedeutung.

„Brüstchen“ präsentierte auch der „Weltspiegel“ des Bayerischen Rundfunks am 25. Februar 2007 und erhielt dafür einen Trostpreis. „Filmautor Richard Schneider und sein Kameramann wissen, wie man verführerische Rundungen in einem polit- ischen Magazin delikat in Szene setzt“, urteilt die Jury. Immerhin in die Endrunde der „Sauren Gurke“ hat es die NDR-Produktion „Im Greisenland“ vom 19. März 2007 geschafft.

„Dem Autor Fabian Döhring ist es gelungen, die ungeheure Macht der deutschen Frauen um die vierzig zweifelsfrei zu beweisen“, stellt die Jury ironisch fest. „Ihre Bildung und ihr Selbstvertrauen verhindern den Kindersegen und verursachen die demografische Katastrophe. Um den Film nicht unnötig in die Länge zu ziehen, wurde dankenswerter Weise auf die Frage nach dem männlichen Anteil an der Entwicklung verzichtet.“

Keine alten Tanten und keine jungen Hüpfer
Bei dem Herbsttreffen der Medienfrauen wurden auch zwei Resolutionen verab- schiedet. Darin fordern die rund 250 Medienfrauen eine Nachfolgerin für Günter Struve, der im kommenden Jahr sein Amt als ARD-Programmdirektor aufgibt. Außerdem verlangen sie, dass „ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht aufs Abstellgleis geschoben und die Jüngeren nicht permanent gebremst werden“. Im Austausch von jung und alt liege die große Chance.

Hier die beiden Resolutionen:

Jung und aus Erfahrung gut
Resolution des Medienfrauentreffens vom 5. bis 7. Oktober 2007 in Frankfurt

ARD, ZDF und ORF sind keine „alten Tanten“ und auch keine „jungen Hüpfer“. Die Öffentlich-Rechtlichen sind moderne Sender, die auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Deshalb dürfen ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht aufs Abstellgleis geschoben und die Jüngeren nicht permanent gebremst werden.

„Das war schon immer so“ ist kein Argument. Im Rückgriff auf Erfahrungen, im Austausch von jung und alt liegt die große Chance. Jüngere und Ältere wollen gemeinsam neue Ideen entwickeln und umsetzen. Ziel aller Bemühungen sind gute Programme.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben im Zusammenhang mit dem demo- graphischen Wandel eine Vorbildfunktion: im betriebsinternen Umgang von Jung und Alt und in der Berichterstattung über Probleme und Chancen der alternden Gesellschaft. Die Lebenswelt des Publikums muss sich auch in den öffentlich- rechtlichen Angeboten – unabhängig vom Verbreitungsweg – widerspiegeln.

Für die öffentlich-rechtlichen Sender heißt dies konkret:

  • Teams müssen aus Frauen und Männern aller Altersgruppen bestehen.
  • Einstellungen und Beförderungen gehen nach Qualifikation, nicht nach Alter oder Anpassungsfähigkeit.
  • Um den Dialog der Altersgruppen zu fördern, sind Mentoring-Programme – auch im Austausch mit anderen Branchen – notwendig.
  • ; Frauen und Männer müssen auch nach einer Auszeit noch mal richtig durch- starten, Verantwortung übernehmen können.
  • Trotz Stellenabbau muss es gesicherte Beschäftigungsverhältnisse für alle Altersgruppen geben, damit der generationenübergreifende Dialog stattfinden kann und die Jungen von den Errungenschaften der Alten profitieren können.

    Wir Medienfrauen fordern: Das kollektive Gedächtnis von ARD, ZDF und ORF muss bewahrt, gepflegt und genutzt werden, damit wir Neues schaffen können!

    Resolution des Medienfrauentreffens in Frankfurt
    Klarer öffentlich-rechtlicher Kurs mit Frau an der Spitze.
    Die Teilnehmerinnen des 30. Herbstreffens der Medienfrauen von ARD und ZDF fordern eine Nachfolgerin für Günter Struve, der im kommenden Jahr sein Amt als ARD-Programmdirektor aufgibt. Nach 16 Jahren „Mister ARD“ wird es Zeit, dass eine Frau das Ruder übernimmt und die ARD auf einem klaren öffentlich-rechtlichen Kurs steuert. Qualität und Quote sind kein Widerspruch.

    Noch immer haben in der ARD zu viele Männer das Sagen und bleiben die Talente kompetenter Frauen bei Spitzenbesetzungen ungenutzt. Das Medien- frauentreffen setzt darauf, beim nächsten Herbsttreffen die erste ARD-Programm- direktorin begrüßen zu können.

    Herbsttreffen der Medienfrauen 2008
    Im nächsten Jahr lädt erstmalig der ORF die Medienfrauen vom 04. bis 07. Sept- ember nach Wien ein.